22. Juli 2021

 

Vom Steinmännchen war die Rede im letzten Blog-Eintrag. In den bisher vergangenen 40 Tagen ist allerhand passiert. Ich bin mit meiner Partnerin in einen anderen Landesteil umgezogen – von einer 6-Zimmer-Wohnung in eine 3-Zimmer-Wohnung. Und alles ziemlich rasch, ohne große Koordinations- und Projektpläne – aber mit viel Optimismus.

Das Steinmännchen musste mehrmals umplatziert werden. Ein meditativer Zwischenhalt in all den Umtriebigkeiten. Die Steine haben zwar immer die gleiche Reihenfolge, sehen aber als Ganzes nachher anders aus. So wie auch mein Büro im Laufe des Einpackens und Aufstapelns der Zügelkartons.


Steinmännchen am Abend

Das Steinmännchen an einem provisorischen Zwischenhalt  / © Helmut W.Rodenhausen

Der Wechsel in den Kanton Baselland traf zeitlich zusammen mit der Ausstellung bzw. Inszenierung von Olafur Eliasson im Beyeler-Museum in Riehen. Eine willkommene Auszeit in all dem Auspack-, Umpack- und Wegpack-Stress. Vier Mal war ich dort. Eindrücklich mit Ernst Schadegg, mit dem ich schon die Ausstellung im Kunsthaus Zürich gesehen hatte. (siehe den Clip ganz unten auf dem Blog vom März 2020. > https://www.schreibenlassen.ch/homepage/126-2020_03_20.html

Die Arbeit von Eliasson in Riehen ist anders. Es ist «nur» ein Raum. Aber es ist ein Raum, der durch mehrere Räume bis ins Freie geht. Und der kleine Teich, welcher die Architektur von Renzo Piano normalerweise akzentuiert, der ergießt sich in all die offenen Räume, begehbar über miteinander verbundene Stege. Und das Wasser leuchtet in einem Grün, das aufdringlich scheint und zugleich entrückt befremdet. Darin Wasserpflanzen, winzige Kaulquappen, aufblühende Seerosen.


Steinmännchen nach Gewitter

Die Außenwelt, wie sie so nie sichtbar ist – und die Innenwelt, wie sie so nie funktioniert / © Helmut W.Rodenhausen

 

Mit meiner Partnerin war ich dann genau am 100. Geburtstag von Ernst Beyeler ein weiteres Mal dort. Die schweren Regentage des Juli 2021 sind kaum vorüber. Durch die Fenster im hinteren Teil des Museums wirken die Wolken wie ein Gemälde von Gerhard Richter. Und gleichzeitig ist das Wasser im vorderen Teil der Museumsräume irgendwie perfid, wenn doch zur selben Zeit an vielen Orten in Westeuropa Keller und Gebäude tief unter Wasser stehen …

 

Steinmännchen wieder neu

Kunst ist, was man als Kunst sieht © Helmut W.Rodenhausen

 

Am Abend des letzten Ausstellungssonntags fuhren wir ein weiteres Mal zum Museum. Eine Atmosphäre wie an einem Open-Air-Konzert. Immer mehr Menschen kommen, suchen sich einen Platz, sitzen auf den Boden, fotografieren. Mit dem Unterschied, das nur leise gesprochen wird. Mit dem Unterschied, das gar nichts passiert. Außer, dass es dunkler wird. Und mit dem Eindunkeln langsam ein tiefblaues Licht in den «Innenräumen» aufscheint.

Und mit dem Unterschied, dass nicht nur von allen Seiten fotografiert wird, sondern etliche Besucher in mitgebrachten Einmachgläsern Wasser schöpfen, um es nach Hause zu tragen. Ein Gefühl, als sei hier ein heiliger Ort, ein Ashram, bei dem ein unsichtbarer Meister unhörbare Worte predigt.

 

Steinmännchen wieder neu

Kunst ist, was über die Seh- und Denkgewohnheiten hinausreicht © Helmut W.Rodenhausen

 

Im neuen Zuhause, zwischen all dem noch nicht Ausgepackten, noch nicht Aufgeräumten steht am Fenster das kleine Steinmännlein. Am Fenster, ohne sich zu regen, ohne «aus der Fassung» zu geraten. Immer wieder aus der eigenen Schwerkraft kann es einfach so sein, wie es ist. Also, lasse ich es gut sein – trotz allem was noch lange nicht so ist, wie es sein sollte. Und wie sagte Ernst Beyeler öfters: «Wir haben keine Angst vor Erfolg».
 

Steinmännchen wieder neu

Das Steinmännchen am neuen Ort mit Blick nach Riehen und auf den Schwarzwald / © Helmut W.Rodenhausen 


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