21. Oktober 2021

 

Es war sehr früh am Morgen. Ein strahlender Herbsttag. Allerdings noch nicht so strahlend, dass es für mehr als acht Grad Celcius gereicht hätte. Ich bin unterwegs zu einem Weingut. Kaum komme ich über eine kleine Kuppe, sehe ich zwei Dinge: das wunderschöne Weingebiet der Klus bei Aesch – und meinen langen Schatten auf der unter mir liegenden Wiese.


Klus bei Aesch, ein altes Weinbaugebiet

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. In diesem Fall mein eigener  / © Helmut W.Rodenhausen

 

Was ich wissen wollte, lag einerseits in der Vergangenheit und andererseits in einer «wieder entdeckten» Gegenwart. Die Vergangenheit ist schnell erklärt. Meine Mutter stammte aus einem Weinbaugebiet in der Pfalz (siehe auch https://www.schreibenlassen.ch/homepage/114-2018_12_19.html). Als etwa zehnjähriger Bub hatte ich zum ersten Mal an einer Weinlese teilnehmen dürfen.

Die wieder entdeckte Gegenwart bezieht sich auf ein Buch, das ich mit etwa 25 Jahren las. Robert M. Pirsig: «Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten».

Sein Hauptthema ist der Begriff oder die Auffassung von «Qualität». Alles immer wieder aus der griechischen Mythologie von Platon, Sokrates und Phaidros erklärt. Dieses Buch lese ich gerade erneut.

Und eben: bei der Wein-Lese wollte ich ein bisschen darüber nachdenken.

 

Steinmännchen wieder neu

Eine wunderbar aromatische Traubensorte: Pinot Noir bzw. Blauburgunder / © Helmut W.Rodenhausen

 

Der Morgen begann freundlich. Die erste Sorte, ein Chasselas, wenn ich mich recht erinnere, war reif und die Trauben fühlten sich voll und richtig an. Ich spürte Qualität – auch im eigenen Tun. Meine Gedanken schweiften ab.

Zu den Überlegungen, was Qualität denn eigentlich bedeutet. Und wie oft dieser Begfriff im Laufe meines Lebens zu hören war. Für dieses und jenes – meistens halb gelogen.

«Weil es sich lohnt, Qualität einzukaufen», war eine dieser Headlines, an die ich mich erinnere. Ein Produkt-Manager hatte sie mir in meiner Zeit als Werbekonzepter aufgezwungen. – Ich schämte mich bei jeder Erwähnung in jener Werbekampagne. Weil es sich für mich nicht so anfühlte.

 

Klus bei Aesch, ein altes Weinbaugebiet

Der «Le Rouge» aus der Domain Klus 177. Ein Wein, bei dem man nicht über Qualität nachdenken muss. Er hat sie in sich.

 

In der Mittagspause dann, bei einem feinen Raclette, schenkte «Kellermeister» Antoine Kaufmann drei verschiedene Weissweine zum Probieren aus. Ob es Absicht war oder nur meine laienhafte Kenntnis: er begann mit einem für mich weniger guten, einem guten und endete bei einem sehr guten.

Was die Qualität genau ausmachte? – Ich kann es zu wenig präzisieren. Es ist ein «Rundum-Gefühl». Qualität per se scheint es nicht zu geben. Immer nur das Bemühen, so nahe wie möglich an diesen Punkt zu kommen.

Bemühend bis mühsam war meine Erfahrung am Nachmittag bei der Ernte eines Blauburgunders. Die Trauben waren an jedem Stock so unterschiedlich in ihrer Unreife, Reife, Überreife und ihrer Fäulnis, dass mehr als die Hälfte auszuscheiden war. So landeten die abgeschnittenen Trauben häufiger auf dem Boden als im Kübel, der sich einfach nicht füllte.

Qualität ist eine Frage der Auslese, ging es mir durch den Kopf. Aber ich war zu beschäftigt, um diesen Gedanken weiter zu spinnen. Auch der Nachmittag ging zu Ende. Die Sonne neigte sich zum Horizont, es wurde sehr rasch merklich kühler und ich fühlte mich seltsam leer … nach nur einem Tag(!)

 

Klus bei Aesch, ein altes Weinbaugebiet

Inzwischen ist die Weinlese 2021 beendet. Die Qualität sei schon besser gewesen, heisst es  / © Helmut W.Rodenhausen

 

Das Thema «Qualität» beschäftigte mich noch tagelang weiter. Es gibt keine Konstanz, es gibt keine absolute Normierung – auch wenn es Quality-Manager immer wieder versuchen. Qualität ändert sich mit denjenigen Menschen, die sie beurteilen.

Es ist ein Momentan-Zustand, der sowohl mit der Sache an sich, als mit demjenigen zu tun hat, der sie beurteilt. Aber auch mit dem herrschenden Zeitgefühl. Überhaupt ist Gefühl, Gespür, Empathie – oder was immer man darunter verstehen will, im Zusammenhang mit Qualität unabdingbar. Fingerspitzengefühl wäre noch richtiger.

 

Restaurant Blume kurz vor dem Abbruch

Noch Tage nach dem kurzen «Wümmet»-Einsatz:  blaugraue Finger, gefühlloses Handgelenk  / © Helmut W.Rodenhausen

 

Den Gedanken von Phaidros, alias Robert M. Pirsig komme ich langsam näher. Wir müssen als Gesellschaft wieder lernen, uns ganz einzubringen – mit Verstand und mit «Hingabe». Damit dieser Raubbau an Quantitäten wieder zu einem Aufbau von Qualitäten wird.