14. Juni 2020

Vor etwa zwei Jahren erschien in «Schweizer Landliebe» ein Artikel über die Holzköhlerei in Romoos. Der Autor, Marcel Huwyler, begann seinen Text folgendermaßen: «Wer mit Markus Wicki zu tun hat, wird angeschwärzt: Sein Händedruck hinterlässt einen staubschwarzen Eindruck. Und macht klar, wie facettenreich und farbig Schwarz sein kann: Der Köhlerhaufen selber steht da wie ein kohlpechrabenschwarzer Mohrenkopf...»

Ob der Chefredaktor unter der heutigen «political correctness» das noch so würde stehen lassen? – Es ist eine knisternde Atmosphäre, die gegenwärtig weltweit zu spüren ist. Einerseits: nur nichts Falsches sagen, ja korrekt argumentieren. Anderseits: radikalste Haltungen, mit der Bereitschaft, sofort zuzuschlagen oder gar zu schießen.

Lügen, zurechtgebogene Informationen und Irreführungen werden mit einer Unverfrorenheit verbreitet, die schnell von verschiedensten Gruppen für ihre Aktionen und Überreaktionen als Beweis gezeigt werden. Gefährlich ist nicht die sprachliche Überkorrektheit, gefährlich ist der Hype, der aus jeder Bagatelle gemacht wird. Jetzt muss ich betonen: der Mord in Minneapolis ist keine Bagatelle.



Demo an der Zürcher Bahnhofstrasse vom 13.6.2020 / Foto: SRF/Matthias Rusch

Aber es wird gespalten, es wird Zunder gestreut, es wird Öl ins Feuer gegossen. Viele der gegenwärtigen Leaderfiguren versuchen ihr Möglichstes, scheitern aber am eingefleischten Verhalten, überall ja nur korrekt zu bleiben.

In meiner Kindheit hatte ich schon früh Kontakt mit Schwarzen. Sie wurden – ohne rassistische Gefühle – ganz einfach Neger genannt. Als Vierjähriger bekam ich von schwarzen GI's zum ersten Mal Kaugummi. Von Verwandten bekam ich Schokolade mit dem «Sarotti-Mohr». Ich liebte «Negerküsse», so hießen bei uns zu Hause «Mohrenköpfe». – Nicht die geringste Verbindung dabei zu irgendwelchen rassistischen Gedanken.



Am 14. Juni 1920 wurden in Duluth (Minnesota) drei Schwarze gelyncht. Ihre Schuld blieb ungeklärt
/ Foto: Wikipedia

Rassismus hat immer mit falschem Gerechtigkeits- und Überheblichkeitsgefühl zu tun. Genau heute, vor exakt hundert Jahren wurden in Duluth – nur zwei Autostunden von Minneapolis entfernt – drei Schwarze von einem Mob gelyncht. Von dieser Aktion erschienen Fotos in fast allen Zeitungen und: es kam eine Postkarte in Umlauf. Die Selbstgerechtigkeit und die innere Verstörtheit in den Gesichtern macht mich sprachlos.

Und es entsteht die Furcht, das heute das kleinste Fünkchen sofort auf Hunderte von Brandbeschleunigern trifft – mit einem katastrophalen Flächenbrand. Wir hätten angesichts der existenziellen Probleme unseres Planeten wahrlich andere Aufgaben, als uns abzugrenzen und blindwütig ihrendwelchen Fanatikern nachzurennen. Die Hoffnung, das Corona-Erlebnis könnte zu einem weltumspannenden Gemeinsinn führen, ist sehr klein.




Der Sarotti-Mohr lebt weiter: als Porzellan- und Werbefigur. 2004 wurde er von Sarotti aus dem Verkehr gezogen.


In der Schweiz, mit der Mohrenkopf-Hysterie, wo ein Großverteiler die Produkte eines eigenständigen Herstellers aus den Regalen verbannte, spielt sich das Gleiche ab, das in Deutschland vor 16 Jahren mit dem Sarotti-Mohr geschah. Auf den Produkten und in der Werbung von Sarotti verschwand er. Aber als Vintage-Objekte, als Porzellanfiguren, als Leuchtreklame usw. wird er schmunzelnd gezeigt. In Mannheim hat ein Jugendclub zurzeit damit Probleme.

Alles hat einen wahren Kern. Nur darf man diesen Kern nicht zum Spaltpilz machen. Vor allem ist es nicht die Sprache, die eine Haltung ändert. Sondern aus einer anderen Haltung entsteht eine andere Sprache. Sonst kommt es soweit, dass man in Zukunft keinen «schwarzen Stift» mehr kaufen kann, man muss stattdessen ein «unfarbiges Schreibzeug» verlangen…




Wieviel Humor bleibt uns mit der political correctness?

Die Angst vorm schwarzen Mann hat nichts, aber auch gar nichts mit der Hautfarbe zu tun. Sondern stammt historisch von den Holzköhlern. Im Kinderlied und -spiel wird die Angst durch Lachen und Gemeinsamkeit aufgelöst. Das ist es, das ich mir für die Zukunft wünschen würde: mehr gemeinsames Lachen, mehr gemeinsame Aktionen. Aktionen, die verbinden, Aktionen die zum Verständnis und zum Verstehen führen…