20.03.2020

Vor einem Monat noch amüsierte man sich über ein Palindrom, weil es im Datum vorkam: 02.02.2020. Und kaum einen Monat später gibt es nur noch ein Thema, überhaupt nicht amüsant: Corona / SARS-CoV-2. Viel komplizierter, viel dramatischer, viel tiefgreifender. Die Schockwellen kamen stoßweise, immer näher und immer bedrückender. Das zwingt unweigerlich zum Atemholen. Und zum Nachdenken über die Wege, die man geht, die Menschen, die man gerne hat und die Ziele, die einem wichtig waren – oder sind.



Holzkohlestücke direkt nach der Pyrolyse © Foto Simon Meyer

Zunächst hörte ich, dass auch die Büchereien und Buchhandlungen zu sind. Das heißt, das schöne Holzkohlebuch altert vor sich hin. Mit dem Vortrag, den ich am Vorbereiten war, kann ich mir auch noch mehr Zeit lassen. Und der Buchauftrag bzw. der Text zu einem Architekturbuch ist auch so gut wie gelaufen. Da geht man dann spazieren und macht sich seine Gedanken. Über verkohltes Holz, über altes Holz, über das Wachstum und die Jahrringe der Bäume – fast alle viel älter als ich.

Dann begegnet man einem Zauberwesen von verrottetem Holz. Im Sonnenlicht sieht es von weitem aus wie ein verendetes Tier, oder eines, das sich in der Wärme räkelt. Wie lange schon – und wie lange ist es her, als noch der ganze Baum erkennbar war, als er noch aufrecht stand? Vielleicht lebten da noch Menschen, die von ihren Grosseltern Geschichten der Kleinen Eiszeit und von Pestepedimien hörten.




Ein Wesen wie Fuchur in der Unendlichen Geschichte von Michael Ende. Gestrandet und verwittert © H.W.R.


Geschichten und Träume, Bilder aus der Kindheit. Ein Vierjähriger, der auf dem Rücken im Gras lag, den großen, weiten Himmel über sich. Wolken wie weißes Treibgut. Nur, dass sie nicht weit kamen, weil der Wind und die Sonne sie auflöste, bevor sie aus meinem Gesichtsfeld verschwunden wären. Dieses Auflösen ins Nichts, ihm hätte ich stundenlang zuschauen können. – Oder die Erinnerung an Waldspaziergänge, als mir zum ersten Mal erklärt wurde, warum die abgesägten Baumstämme so eigenartige Ringmuster hatten – Jahrringe seien das. Meine Jahrringe sehe ich morgens im Spiegel um die Augen. Wie genau diese bei mir ablesbar sind, kann ich nicht objektiv beurteilen.




Absolut klar nachprüfbare Jahrringe: Eine 230 Jahre alte Eiche, mit 8 Meter Durchmesser © H.W.R.

Was in den letzten Tagen nach dem Blick in den Spiegel folgte, war der Blick auf die Nachrichten im Smartphone. Infizierte, Isolierte, Tote – Zahlen von Tests und notwendigen Spitalbetten. Meldungen von Italien, geschlossene Grenzen, Ausnahmezustand. Und in den Spaziergängen, die noch möglich sind, dreht sich im Kopf das Zeitrad von Epidemien, Katastrophen – und der Hoffnung, ja der Gewissheit, dass die Natur auch ohne uns zurecht kommt. Wahrscheinlich sogar besser.




Bilder aus meinem Holzkohle-Buch: Abgebranntes Haus © Willy Eidenbenz | Nespole-Keimling © H.W.R.

Und diese Natur zeigt sich in den Frühlingswanderungen von der unerschütterlichsten und gloriosesten Seite. Mit treibenden Bäumen, mit jungen Sprossen, mit schönsten Blüten. Es scheint, als ob uns die Natur verhöhnen wollte. Einfach nur Sein – einfach nur zeigen, was Schönheit bedeutet.




Erste Mandelblüten? Oder doch Aprikosen? Oder…? Völlig gleich: einfach schön © H.W.R.

Und gegen Ende des Weges, wo es an einem kleinen Bachlauf weitergeht, kommt es noch dicker, respektive noch üppiger. Hunderte Meter nichts als ein weißes Blütenmeer.




Am Chlusbach bei Pfeffingen © H.W.R.

Da soll man gleichgültig bleiben? Nein es juckt in allen Fingern und funkt in allen Hirnwindungen. Man möchte nur noch Gedichte schreiben. Oder Lieder zur Laute singen. Letzteres kann ich gar nicht. Ersteres nur mäßig. Mit der Gedichtebauhütte «Steineklopfen» mache ich weiter. Die letzte Inspiration hatte mir Olafur Eliasson gegeben mit seiner Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Nachhaltiges Durchdringen alter Denkmuster. Und Ahnungen von dem, was dazwischen auch noch sein könnte.




Kurzer Zusammenschnitt (von Eliassons «Hauptquartier» bewilligt) © H.W.R.

Bleiben wir aufmerksam, bleiben wir neugierig, bleiben wir gesund …


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