21. Januar 2020

Bis ein Künstler ein bestimmtes Schwarz als Patent schützen lassen konnte, vergingen mindestens 22000 Jahre. Denn das mit dem ersten Schwarz in der Kunst begann möglicherweise in einer Höhle am Fluss Ardèche in Südfrankreich. Frühe Vorfahren haben dort mit Holzkohle kunstvolle Tierzeichnungen auf den Höhlenwänden angebracht.

2016 (nach Christus) hatte dann ein indisch-britischer Künstler, Anish Kapoor, ein sehr schwarzes Schwarz für seine Kunst patentieren lassen: das sogenannte «Vantablack». Der eigentlich für militärische Tarnung entwickelte nanotechnische Farbanstrich schluckt 99,965 Prozent des auftreffenden Lichtes. Man sieht also: Nichts.



Eine weisse Wand mit sehr heller Schrift. Unser Auge sieht kein richtiges Weiss. Es enthält feinste Anteile von Schwarz. Wäre das Weiss auf der Wand und in der Schrift absolut weiss, wäre hier kein Bild zu sehen. Foto von einer Wand im Gewerbemuseum Winterthur © Helmut W. Rodenhausen

Bei einem «totalen Schwarz» ist jede Form nur noch als Kontur erkennbar. Eine der Kunstinstallationen von Anish Kapoor nannte er «Descent into Limbo» («Abstieg in die Vorhölle»). Er hatte sie schon 1992 an der Documenta in Kassel gezeigt. Ein rundes, fast 2 Meter Durchmesser grosses und fast fünf Meter tiefes Loch. 2018, an einer Ausstellung in Portugal, war das an sich schon schwarze Loch noch schwärzer, weil es zum ersten Mal mit Vantablack gefüllt war.

Die Kunstwelt schüttelte den Kopf. Und der Mann, der in das Kunstwerk fiel, konnte seinen Kopf eine Weile nicht mehr schütteln. Der unvorsichtige Betrachter fiel sozusagen ins «Nichts», schlug aber dennoch hart auf.

Das «Nichts» hat inzwischen noch einmal an Schwärze gewonnen. Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) wurde eine schwarze «Farbe» entwickelt, die unglaubliche 99,995 Prozent allen Lichts schluckt. Eigentlich wollten die Forscher winzigstkleine Kohlenstoff-Nanoröhrchen auf elektrisch leitendem Material – wie zum Beispiel Aluminium – wachsen lassen.



Eine Bildbearbeitung aus einer Installation von Ugo Rondinone im Aarauer Kunsthaus. Links die «Kamelmaske» die auf weisser Wand ziemlich schwarz aussah. Rechts eine Photoshop-Manipulation von einem «totalen Schwarz». © Foto: Helmut W. Rodenhausen
 
Um diese «Nichtfarbe», das totale Schwarz also, so echt wie möglich demonstrieren zu können, hat die deutsche Künstlerin Diemut Strebe einen irre teuren Brillanten mit dem neuen Farbstoff beschichtet. Die parallelen Fotografien, die sie davon machte, könnten eine perfekte Photoshop-Retouche sein – könnten…



Ein millionenschwerer Diamant, der anschliessend mit der Kohlenstoff-Nano-Farbe bestrichen wurde. Installation und Foto: © Diemut Strebe.

Erklären lässt sich das Phänomen nur schwer. Die Forscher reden davon, dass man sich in einen dichten Wald versetzen sollte, der 300 Meter hohe Stämme habe. Auf den Boden würde kein einziger Sonnenstrahl treffen. Alles Licht würde durch das voluminöse Blattwerk geschluckt. Eine Vorstellung, wie ein Wald ohne Licht aussehen würde, könnte man sich vielleicht machen.



Eine Gegenüberstellung von «Kohlenstoff-Objekten», als Holzkohle noch wirklich schwarz war.  © Composing Simon Eugster. Aus dem Buch «HOLZKOHLE».

Aber da bleibe ich lieber in Wäldern, in denen noch Licht, Konturen und Farben sichtbar sind. Wälder, die es hoffentlich auch in vielen Hunderten von Jahren noch gibt. Vielleicht gibt es dann wieder erste «Neumenschen», die in Höhlen mit schwarzer Holzkohle Tiere auf die Wände malen. – Und vielleicht werden diese «Neumenschen» auch aus Holzkohle neue Kunstwerke schaffen. Wie das untenstehende Objekt mit Blattgold von Teresa Tielke.




Holzkohlestück mit Blattgold © Teresa Tielke

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