21. März 2021

 

Es ist schon immer wieder schön: nach vielen Monaten Arbeit, nach Druckphasen – im wortwörtlichen Sinne und im Buchproduktionssinne – ist ein Projekt abgeschlossen.

Das fertige Werk liegt vor, man kann es noch einmal begutachten, man kann darin blättern und man kann – je nachdem – stolz sein. Aber irgendwann kommt das Aufräumen.

Jetzt, in Corona-Zeitlücken, habe ich mir ein Jubiläums-Werk vorgenommen. Alle Bilder gesichtet, gelistet und die Manuskripte in Ordnern abgeheftet.

Am Schluß wurde daraus eine große Plastikbox voll mit Ordnern, Schubern und Büchern. Bereit, um sie an den Auftraggeber bzw. die betreffende Person abzuliefern.


Blüte mit Schneekappe

Noch einmal das fertige Produkt anschauen, sich freuen – dann zum nächsten... Hier eine Box mit sieben Bänden zum 70. Geburtstag  / © Helmut.W.Rodenhausen

Wie das wohl nicht nur bei mir so ist: Wenn aufgeräumt wird, tauchen auch «verschwundene Dinge» wieder auf. Ich entdeckte – sozusagen als Jubiläumsüberraschung – eine Arbeit, die ich vor über zwanzig Jahren begleitet hatte. Ein Kunstobjekt von Clarina Bezzola. Damals gab die Werbeagentur Heads in Zürich unter Federführung von Mike Stillhard jedes Jahr eine limitierte Kunstedition heraus.

Die Edition 2000 war mit «Konnektor-Suit» betitelt. Ich konnte die Begleitschrift verfassen und war dankbarer Empfänger eines Exemplars dieses außergewöhnlichen Objektes. «Im ersten Moment lauert das Lachen des überrumpelten Betrachters» heißt es darin unter anderem.«Ich rede von Verwundbarkeit und dem Aus- bzw. Eingeschlossensein.» …

Heute, mit Corona-Pandemie-Erfahrungen, bekommt dieses Teil einen ganz anderen, neuen Reflexions- und Erfahrungswert.


Blüte mit Schneekappe

Der Leporello, welcher dem «Konnektor-Suit» beigelegt ist. Kaum möglich, dieses Kunst-Objekt nur durch Beschreibung zu erklären.   / © Helmut.W.Rodenhausen

 

Im ersten Moment, beim Öffnen der Schachtel, glaubt man, ein wunderbares Kleidungsstück im Internet bestellt zu haben. Sorgfältig ausgesuchte Materialien, exakte Verarbeitung.

Ich habe es mir wieder in Ruhe angeschaut. Dann kam der Impuls, dieses Objekt in Gedanken in meine «Gedichtebauhütte» zu nehmen. Die «Gedichtebauhütte» ist mit dem Übertitel «Steineklopfen» versehen und meint für mich: jeden Tag ein Gedicht zu verfassen. Mittlerweile sind es weit über 3000.

Einige der Gedichte kombiniere ich mit einer Video-Arbeit. Wie jetzt mit dem «Konnektor-Suit». Aus der über 18 Monate andauernden Corona-Informationsflut ergab sich ein völlig anderer Zugang. Und schließlich ist heute, am 21. März wieder der UNESCO-Welttag der Poesie.


Konnektor-Suit von Clarina Bezzola

 

Der Konnektor-Suit, wie er sich als Kunst-Edition präsentierte > Bild anklicken <  / © Helmut.W.Rodenhausen

Das Auf-sich-selbst-Bezogensein führte bei mir zur Beschäftigung mit Zeiten, in denen ähnliche «Jacken» als Fesselung verwendet wurde. Und schließlich kam ich beim Aufräumen auf Bilder und Bücher aus dem Zweiten Weltkrieg und dem Nazi-Regime.

«Der geschenkte Gaul» von Hildegard Knef und «Adressat unbekannt» von Kressmann Taylor sind zwei solcher Bücher. 

Da hatte es mit dem Aufräumen ein Ende. Ich mußte Letzteres wieder lesen. Wahrscheinlich das fünfte Mal schon. Es sind auch nur rund 75 Seiten. Aber es ist das Dichteste, was ich im Zusammenhang mit dieser Zeit je gelesen habe.


Blüte mit Schneekappe


«Adress Unknown» verschlägt einem den Atem. Ich muß es noch ein weiteres Mal lesen
/ © Helmut.W.Rodenhausen

 

Bücher können manchmal Explosionen auslösen. Denkexplosionen, Gefühlsexplosionen. Nebenbei kamen mir beim Aufräumen der Bildarchive auch wieder Bücherbilder vor die Augen. Und – sicher kein Zufall – die Bilder von Wien, vom Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Schoah.

So schließt sich mancher Kreis. Und manch anderen möchte man sofort wieder durchbrechen, aufreißen…

 

Wolkenhimmel mit Krähenschwarm

Detail aus dem Bauwerk des Mahnmals in Wien. Es besteht aus symbolisierten Büchern. Man müsste sie lesen können...
/ © Helmut.W.Rodenhausen

Eine aufgeschnittene Blutorange


Der Bau zwingt einem dazu, seinen eigenen Schlüssel zu diesen vergangenen und nie vergessenen Zeiten zu finden.
/ © Helmut.W.Rodenhausen

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